Formulierung Nullhypothese und Auswertungsmöglichkeiten

Fragen zur Planung einer Untersuchung oder eines Projekts.

Formulierung Nullhypothese und Auswertungsmöglichkeiten

Beitragvon StatistikAnfänger1818 » So 4. Feb 2024, 12:08

Hallo zusammen,

ich schreibe meine Bachelorthesis zum Thema virtuelle vs. menschliche Influencer und habe dafür einen Fragebogen erstellt und eine Umfrage durchgeführt (n=192). Leider erhalte ich in naher Zukunft von meinem Betreuer leider keine Unterstützung.

In meiner Umfrage habe ich jeweils zwei menschliche und zwei virtuelle Influencer, deren (von Rezipienten) wahrgenommene Vertrauenswürdigkeit, Authentizität und Menschlichkeit ich mithilfe von 5-Point Likert Skalen und semantischen Differentialen in meinem Fragebogen überprüfen möchte.

Insgesamt also 3 Alternativhypothesen. Die Formulierung ist bei allen drei die gleiche nur das Konstrukt ist eben jeweils ein anderes, deshalb hier nur die erste:
H1: Menschliche Influencer werden als vertrauenswürdiger wahrgenommen als virtuelle Influencer

Meine Frage ist nun, wie ich die Nullhypothese korrekt formuliere. Ich weis, sie muss das "Gegenstück" zu meiner Alternativhypothese sein soll. Ich habe zwei formuliert, aber weis nicht, welche in meinem Fall geeigneter wäre und warum.

H0: Bezüglich der, von den Rezipienten wahrgenommenen Vertrauenswürdigkeit, gibt es keinen Unterschied zwischen virtuellen und menschlichen Social-Media-Influencern
oder
H0: Virtuelle Influencer werden als vertrauenswürdiger wahrgenommen als menschliche Influencer.
Ich habe mir auch schon Gedanken darüber gemacht, ob meine Alternativhypothesen so gut formuliert sind, deshalb auch gerne Feedback dazu!

Eine weitere Frage, die ich hätte wäre, welche Form von Auswertung sich anbieten würde. Für meine Auswertung müsste ich die wahrgenommene Vertrauenswürdigkeit (bzw. Authentizität und Menschlichkeit) der beiden menschlichen und der beiden virtuellen Influencer jeweils zusammenfassen und miteinander vergleichen.
In ähnlichen Studien habe ich gesehen, dass eine Varianzanalyse durchgeführt wurde. Nach meiner Recherche habe ich gesehen, dass man diese durchführt wenn man mehr als 2 Gruppen hat. Die Frage wäre, ob meine Gruppen in dem Fall die 4 Influencer wären oder die zwei Übergruppen "virtuelle" und "menschliche" Influencer? Wäre eine ANOVA empfehlenswert, wenn ich beispielsweise demografische Daten mit den genannten Faktoren in Relation setzen möchte?

Ein bisschen viel Information, ich hoffe es ist trotzdem verständlich geblieben. Ich freue mich auf eure Expertise!

Liebe Grüße

Sara
StatistikAnfänger1818
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Re: Formulierung Nullhypothese und Auswertungsmöglichkeiten

Beitragvon bele » So 4. Feb 2024, 12:41

Hallo,

StatistikAnfänger1818 hat geschrieben:Hallo zusammen,

ich schreibe meine Bachelorthesis zum Thema virtuelle vs. menschliche Influencer und habe dafür einen Fragebogen erstellt und eine Umfrage durchgeführt (n=192). Leider erhalte ich in naher Zukunft von meinem Betreuer leider keine Unterstützung.

In meiner Umfrage habe ich jeweils zwei menschliche und zwei virtuelle Influencer, deren (von Rezipienten) wahrgenommene Vertrauenswürdigkeit, Authentizität und Menschlichkeit ich mithilfe von 5-Point Likert Skalen und semantischen Differentialen in meinem Fragebogen überprüfen möchte.

Insgesamt also 3 Alternativhypothesen. Die Formulierung ist bei allen drei die gleiche nur das Konstrukt ist eben jeweils ein anderes, deshalb hier nur die erste:
H1: Menschliche Influencer werden als vertrauenswürdiger wahrgenommen als virtuelle Influencer

Meine Frage ist nun, wie ich die Nullhypothese korrekt formuliere. Ich weis, sie muss das "Gegenstück" zu meiner Alternativhypothese sein soll. Ich habe zwei formuliert, aber weis nicht, welche in meinem Fall geeigneter wäre und warum.

H0: Bezüglich der, von den Rezipienten wahrgenommenen Vertrauenswürdigkeit, gibt es keinen Unterschied zwischen virtuellen und menschlichen Social-Media-Influencern
oder
H0: Virtuelle Influencer werden als vertrauenswürdiger wahrgenommen als menschliche Influencer.
Ich habe mir auch schon Gedanken darüber gemacht, ob meine Alternativhypothesen so gut formuliert sind, deshalb auch gerne Feedback dazu!


Im Kern möchtest Du wissen, ob Du eine einseitige oder eine zweiseitige Nullhypothese formulieren sollst. Hier ist zu unterscheiden zwischen der Fragestellung Deiner Arbeit und der Nullhypothese Deines Signfikanztests. Die Fragestellung Deiner Arbeit mag einseitig formuliert sein, auf jeden Fall braucht sie keine Nullhypothese. Die Nullhypothese ist teil des Testvorgangs und sie muss einerseits zu Deiner Fragestellung, andererseits zu Deinem statistischen Werkzeugkasten passen. Du kennst die Varianzanalyse/ANOVA als ein für die Fragestellung geeignetes Verfahren. Du kennst aber nur eine zweiseitig testende und keine einseitig testende ANOVA. Das ist ein Grund unter mehreren, warum Du die Nullhypothese für einen zweiseitigen Test formulieren solltest.

In ähnlichen Studien habe ich gesehen, dass eine Varianzanalyse durchgeführt wurde. Nach meiner Recherche habe ich gesehen, dass man diese durchführt wenn man mehr als 2 Gruppen hat.


Die funktioniert auch mit zwei Gruppen.

Die Frage wäre, ob meine Gruppen in dem Fall die 4 Influencer wären oder die zwei Übergruppen "virtuelle" und "menschliche" Influencer?


Willst Du testen, ob die vier Influencer sich unterscheiden oder willst Du testen, ob die Gruppen sich unterscheiden?

Wäre eine ANOVA empfehlenswert, wenn ich beispielsweise demografische Daten mit den genannten Faktoren in Relation setzen möchte?


Wenn Du leidlich diskrete Gruppen wie Männer und Frauen, Rechts- und Linkshänder, Auto- und Fahrradfahrer untersuchen möchtest ja, wenn kontinuierliche Variablen wie die Raumtemperatur bei Befragung oder das Alter einbezogen werden sollen musst Du das zur Kovarianzanalyse oder AnCoVa erweitern. Alternativ kann man das auch als lineare Regression rechnen. Das ist im Kern gleichwertig und Du solltest das Verfahren bevorzugen, in dem Du Dich wohler fühlst, weil Du Dich da besser auskennst.

LG,
Bernhard
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Re: Formulierung Nullhypothese und Auswertungsmöglichkeiten

Beitragvon StatistikAnfänger1818 » Di 6. Feb 2024, 17:20

Hallo Bernhard,

vielen Dank für deine Antwort! Dein Zitat aus Alice im Wunderland finde ich sehr nachvollziehbar!

H0: Bezüglich der, von den Rezipienten wahrgenommenen Vertrauenswürdigkeit, gibt es keinen Unterschied zwischen virtuellen und menschlichen Social-Media-Influencern


Das heißt bei dieser Hypothese würde es sich um eine zweiseitige Nullhypothese handeln und bei der anderen um eine einseitige?

Willst Du testen, ob die vier Influencer sich unterscheiden oder willst Du testen, ob die Gruppen sich unterscheiden?


Ich möchte testen, inwiefern sich die beiden Gruppen virtuelle und menschliche Influencer angesichts der Konstrukte Authentizität, Vertrauenswürdigkeit und Menschlichkeit unterscheiden.
Dazu hat sich inzwischen eine weitere Frage bei mir aufgeworfen: Wenn ich unterschiedliche Frageitems zu einer Skala zusammenfassen möchte (wie in meinem Fall, hier habe ich mehrere Frageitems für ein Konstrukt) bilde ich den Mittelwert aus diesen Items. Wenn ich nun den Mittelwert von bspw der "Vertrauenswürdigkeit" des Influencers A habe, aber die Vertrauenswürdigkeit von Infuencer A und B zusammenfassen möchte, bilde ich dann den Mittelwert aus beiden Mittelwerten von Influencer A und B oder nehme ich direkt alle Frageitems der Skala "Vertrauenswürdigkeit" von beiden Influencern und bilde einen "zentralen" Mittelwert?
Das ganze Thema fühlt sich sehr kompliziert an und ich hoffe man kann mir folgen :shock:

Vielen Dank nochmal, für deine Erklärung. Ich hoffe meine Folgefrage war ausreichend verständlich formuliert.

Liebe Grüße

Sara
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Re: Formulierung Nullhypothese und Auswertungsmöglichkeiten

Beitragvon bele » Di 6. Feb 2024, 17:48

StatistikAnfänger1818 hat geschrieben:
H0: Bezüglich der, von den Rezipienten wahrgenommenen Vertrauenswürdigkeit, gibt es keinen Unterschied zwischen virtuellen und menschlichen Social-Media-Influencern

Das heißt bei dieser Hypothese würde es sich um eine zweiseitige Nullhypothese handeln und bei der anderen um eine einseitige?


Diese Nullhypothese kann man mit einem zweiseitigen Test prüfen. Die Formulierung "zweiseitige Nullhypothese" ist vielleicht etwas flapsig, das würde ich so nicht in die Arbeit schreiben, aber inhaltlich meinst Du das richtige.

bilde ich dann den Mittelwert aus beiden Mittelwerten von Influencer A und B oder nehme ich direkt alle Frageitems der Skala "Vertrauenswürdigkeit" von beiden Influencern und bilde einen "zentralen" Mittelwert?


Ich würde denken, dass da in der Regel das gleiche herauskommt. Vergleiche doch einfach mal den Mittelwert der Zahlen von 1 bis 6 mit dem Mittelwert aus den Mittelwerten aus 1 bis 3 und dem Mittelwert aus 4 bis 6.

versus

Das ganze Thema fühlt sich sehr kompliziert an und ich hoffe man kann mir folgen :shock:


Kann ich nachvollziehen. Was ich oben über die Mittelwerte aus Mittelwerten geschrieben habe ist Stoff der gymnasialen Mittelstufe, aber wir haben damals alle nicht damit gerechnet, dass wir nochmal Brüche addieren und Brüche aus Brüchen anschauen müssten. Überraschenderweise war das alles aber doch irgendwie nützliches Zeugs...

LG,
Bernhard
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Re: Formulierung Nullhypothese und Auswertungsmöglichkeiten

Beitragvon StatistikAnfänger1818 » Do 29. Feb 2024, 15:33

Hallo nochmal,

inzwischen habe ich die Auswertung abgeschlossen, wobei ich mich für einen t-test mit gepaarten Stichproben entschieden habe. Leider verstehe ich das mit der "zweiseitigen" Nullhypothese immer noch nicht richtig und wollte da nochmal nachhaken.

Meine Frage wäre, ob ich etwas bei der Interpretation meiner Ergebnisse beachten muss wenn ich statt einer "einseitigen" Nullhypothese eine "zweiseitige" Nullhypothese nutze. Die Signifikanz-Testergebnisse sind in jedem Fall p=<0,001 (also einseitiges und zweiseitiges p für jedes der untersuchten Konstrukte) und T ist immer ungleich null. Leider weis ich nicht wie ich die Ergebnisse interpretieren muss, abhängig davon, welche Nullhypothese ich gewählt habe.

Die Formulierung "zweiseitige Nullhypothese" ist vielleicht etwas flapsig, das würde ich so nicht in die Arbeit schreiben, aber inhaltlich meinst Du das richtige.


Macht es Sinn das überhaupt in der Thesis zu erwähnen bzw. zu erläutern?

Vielen Dank im Voraus für die Zeit!

Sara
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Re: Formulierung Nullhypothese und Auswertungsmöglichkeiten

Beitragvon bele » Do 29. Feb 2024, 16:45

StatistikAnfänger1818 hat geschrieben:Die Signifikanz-Testergebnisse sind in jedem Fall p=<0,001 (also einseitiges und zweiseitiges p für jedes der untersuchten Konstrukte) und T ist immer ungleich null. Leider weis ich nicht wie ich die Ergebnisse interpretieren muss, abhängig davon, welche Nullhypothese ich gewählt habe.


Wenn beides einen so kleinen p-Wert ergibt, dann spielt es keine Rolle, wofür Du Dich entscheidest. Formuliere die Nullhypothese so, wie sie Dir gefällt.

Die Formulierung "zweiseitige Nullhypothese" ist vielleicht etwas flapsig, das würde ich so nicht in die Arbeit schreiben, aber inhaltlich meinst Du das richtige.


Macht es Sinn das überhaupt in der Thesis zu erwähnen bzw. zu erläutern?


Du solltest es konsistent formulieren. Wenn die Nullhypothese lautet "Es gibt keinen Unterschied zwischen den Gruppen" dann solltest Du diese Nullhypothese mit einem zweiseitigen Test beantworten und wenn die Nullhypothese lautet "Der Wert ist in Gruppe B nicht größer als in Gruppe A" dann mit einem einseitigen Test. Die Thesis ist dazu da, dass Du zeigen kannst, was Du gelernt hast. Lass Dir doch die Gelegenheit nicht zu entgehen, das Deinen Prüfern zu demonstrieren.

LG,
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